Zeitreise – Leuchten im Design der 1970er

Die Uovo von Fontana Arte ist eine Tischleuchte im Design der 1970er Jahre

Das Design der 1970er Jahre bewegte sich im Span­nungs­feld zwis­chen Funk­tion­al­is­mus und dessen Gegen­strö­mungen. Dominierten im Design der 1960er beina­he ver­schwen­derische, teils sehr über­schwängliche Entwürfe, entwick­elte sich bere­its Ende der der 1960er Jahre ein min­i­mal­is­tis­ch­er, nüchtern-prag­ma­tis­ch­er „form fol­lows function“-Stil, zur dominieren­den Design­rich­tung. Nicht zulet­zt mit Beginn der Ölkrise, die ihren Höhep­unkt im Jahre 1973 hat­te, set­zte sich ein funk­tion­al­is­tis­ches Pro­duk­tions­de­sign durch, dessen primäres Ziel die Zweck­di­en­lichkeit war – und häu­fig zulas­ten der Ästhetik ging.

 

Der Sessel Proust Chair von Mendini gilt als Designikone im Re-Design.

Der far­ben­fro­he Proust Chair (1978) von Alessan­dro Men­di­ni ist eine Ikone gegen den kühlen Funk­tion­al­is­mus. Bild von THOR — Paris 2008, CC by 2.0

Die Knap­pheit des Öls führte auch dazu, dass sich der Kun­st­stoff ver­teuerte – plöt­zlich lautete das Cre­do: „Min­i­maler Mate­ri­alein­satz, max­i­maler Ertrag“. Die Folge waren oft phan­tasie- und see­len­lose, nur auf den Nutzw­ert aus­gerichtete Pro­duk­te, die in erster Lin­ie die Inter­essen der Main­stream-Indus­trie bedi­en­ten. Thomas Hauffe, Autor von „Geschichte des Designs“, erhältlich im Dumont-Buchver­lag, schrieb sog­ar von Design­ern „als Hand­langern der Indus­trie“. Das indus­trielle Design-Aller­lei führte zu Gegen­strö­mungen, die den Bruch mit dem Funk­tion­al­is­mus propagierten – wie z. B. das Stu­dio Alchimia, deren Mit­glieder wie Ettore Sottsass und Michele De Luc­chi sich von der Dok­trin des Funk­tion­al­is­mus freis­agten und far­ben­fro­he, spielerisch-iro­nis­che Pro­duk­te erschufen. Diese wan­del­ten unter der Beze­ich­nung „Re-Design“ teil­weise am Rande der Skur­ril­ität, wie z. B. der Proust Chair (1978) von Alessan­dro Men­di­ni, der einen klas­sis­chen Arm­lehns­es­sel im Louis-seize-Stil mit unzäh­li­gen Farb­tupfern über­säte und ihm so einen selt­sam befremdlichen Aus­druck ver­lieh – und damit zu den Vor­re­it­ern des post­mod­er­nen Designs avancierte. Auch das Anti-Design bzw. dessen Unter­art Rad­i­cal Design set­zten sich mit unkon­ven­tioneller For­men­sprache und bewusst auf­fäl­li­gen Far­ben kri­tisch mit dem Funk­tion­al­is­mus auseinan­der.

 

Wir stellen Ihnen heute einige Leucht­en aus den 1970er Jahren vor. Aus ein­er Zeit, die geprägt war vom Neben- bzw. Gegeneinan­der unter­schiedlich­er Design­rich­tun­gen und die daher u. a. Leucht­en her­vor­brachte, die nicht immer klar kat­e­gorisiert wer­den kön­nen, son­dern oft­mals zwis­chen puris­tisch-prag­ma­tis­chem Funk­tion­al­is­mus und einem dage­gen auf­begehren­dem, „unvernün­ftigem“ Design oszil­lieren. Doch schauen Sie selb­st, wie Zeitzeu­gen wie etwa Vico Mag­istret­ti , Achille Cas­tiglioni oder Richard Sap­per ihr Kreativpoten­zial ein­set­zten, indem sie mal sehr reduzierte, ein anderes Mal ele­gant-funk­tion­al­is­tis­che und wieder ein anderes Mal höchst deko­ra­tive Werke erschufen – und so das Design der 1970er auf ihre eigene char­mante Weise prägten.

 

 

Design der 1970er: Purismus in Reinform

Die Flos Lampadina aus der Feder von Achille Castiglioni ist ein gutes Beispiel für puristischen, charmanten Funktionalismus.

Die Lam­pad­i­na Tis­chleuchte von Achille Cas­tiglioni ste­ht für einen augen­zwinkern­den Min­i­mal­is­mus.

Ein gutes Beispiel für den prag­ma­tisch-puris­tis­chen Min­i­mal­is­mus, der das Design der 1970er Jahre zum großen Teil prägte, ist die Flos Lam­pad­i­na : Ein run­der Fuß, der gle­ichzeit­ig als Kabel­trom­mel dient, und eine Lam­p­en­fas­sung mit E27-Gewinde – mehr brauchte Achille Cas­tiglioni; Urhe­ber von „So raf­finiert und so ein­fach: Das gefällt mir.“ – nicht für seine leicht augen­zwinkernde Tis­chleuchte. 1972 noch mit klas­sis­chen Leucht­mit­teln betrieben, sind es heute mod­erne LED Retro­fit bzw. LED Fil­a­ment Lam­p­en.

 

 

Die Artemide Teti ist eine höchst puristische Deckenleuchte, die nur aus einem trompetenförmigen Sockel besteht, in den E27-Leuchtmittel eingesetzt werden.

Leucht­mit­tel als gestal­ter­isches Mit­tel: Teti.

Auf den Spuren der Lam­pad­i­na wan­delt die Artemide Teti. Die Deck­en­leuchte von Alt­meis­ter Vico Mag­istret­ti beste­ht nur aus einem Sock­el, mit dem optionalen E27-Leucht­mit­tel, das sich wie bei der Lam­pad­i­na „nackt“ präsen­tiert, lässt sich das asketis­che Design indi­vidu­ell anpassen. So avanciert Teti zu einem ulti­ma­tiv min­i­mal­is­tis­chen State­ment, bei dem das Leucht­mit­tel das gestal­ter­ische Mit­tel der Wahl ist.

 

 

 

 

 

 

Die Fontane Arte Uovo wirkt wie ein übergroßes Ei und avanciert dadurch zu einem natürlich-puristischen Wohnaccessoire.

Ein großes Ei aus mundge­blasen­em Glas als State­ment für stil­vollen Puris­mus: die Fontane Arte Uovo.

Für Puris­mus in Rein­form – qua­si wie aus dem Ei gepellt – ste­ht auch die Fontana Arte Uovo. Die Tis­chleuchte, ein Entwurf aus dem Jahr 1972, wird aus weißem, satiniertem Glas mundge­blasen und erin­nert durch ihre ovale Form an ein überdi­men­sion­iertes Ei. Durch ihre organ­is­che Erschei­n­ung übern­immt Uovo schnell die Rolle des ruhen­den, Har­monie ver­strö­menden Pols inmit­ten des Interieurs.

 

Die Tischleuchte Panthella von Verner Panton beweist, dass das Design der 1970er Jahre auch sehr natürlich ausfallen kann.

Das organ­is­che Design lässt die Pan­thel­la Tis­chleuchte wie natür­lich gewach­sen wirken.

Dass Funk­tion­al­is­mus und natür­lich­es, har­monis­ches Design kein Wider­spruch sein müssen, beweist auch die Louis Poulsen Pan­thel­la, aus­geze­ich­net mit dem iF Design Award. Der Däne Vern­er Pan­ton, ein­er der promi­nen­testen skan­di­navis­chen Architek­ten und Design­er sein­er Zeit, lehnte 1971 die natür­liche Form der Pan­thel­la an die eines Pilzes an. Tat­säch­lich wirkt das fließende Design sehr organ­isch, wenn der hal­bkre­is­för­mige Schirm und der trompe­ten­för­mige Fuß schein­bar naht­los ineinan­der überge­hen.

 

Die Kombination von Farben und Formen ist das Thema der Verpan Wire von Verner Panton.
Die Ver­pan Wire bere­icherte das Design der 1970er Jahre mit ihrem span­nen­den Mate­rialmix und der Kom­bi­na­tion geometrisch­er For­men.

Eine weit­ere ele­gante Sti­likone im Design der 1970er ist die Ver­pan Wire. Deren Sil­hou­ette weckt Assozi­a­tio­nen mit ein­er über­großen Glüh­lampe. Dabei bedi­ent sich die Tis­chleuchte aus dem Jahr 1972 einem span­nen­den Mate­rialmix: Die zylin­drische Basis beste­ht aus ver­chromtem und poliertem Edel­stahl. Sie geht in die Form ein­er Hal­bkugel über. Deren Form wiederum greift ein Schirm aus hochw­er­tigem Kun­st­stoff auf, der als Dif­fu­sor dient. Die Idee zu diesem for­mal zurück­hal­tenden Eye­catch­er stammt übri­gens erneut von Vern­er Pan­ton.

 

 

Design der 1970er – Raffinierte Funktionalität

Die mit Gewichten ausgestattete Artemide Tizio kann individuell ausgerichtet werden und steht für ein sehr flexibles Design der 1970er.
Die gelenkige Artemide Tizio befind­et sich dank Gewicht­en stets im Gle­ichgewicht.

Das Design der 1970er brachte auch Leucht­en her­vor, die eine ele­gant-reduzierte For­men­sprache mit ein­er ger­adezu weg­weisenden, weil vor­bildlichen Flex­i­bil­ität vere­in­ten. Richard Sap­per gelang dies­bezüglich mit der Artemide Tizio ein echt­es Meis­ter­stück. Die Tis­chleuchte vere­inte Funk­tion und Ästhetik wie kaum eine andere Leuchte zuvor. Die mit Gegengewicht­en aus­ges­tat­teten Gelenkarme lassen sich nicht nur indi­vidu­ell ein­stellen, son­dern verbleiben auch prak­tisch in jed­er Posi­tion immer im Gle­ichgewicht. Dazu bedeutete diese Leuchte für das Design der 1970er Jahre eine echte Inno­va­tion: Denn die noch sehr junge Nieder­volt­tech­nik fand damals zwar im Kfz-Bere­ich ihre Anwen­dung, aber nicht in der Beleuch­tung. Sap­per nutze sie dazu, den Strom über die Leucht­e­n­arme zu führen, so dass keine Kabel das Design störten.

 

Die Flos Parentesi verkörpert einen sehr flexiblen Funktionalismus.

Flex­i­bler Strahler: Flos Par­ente­si

Achille Cas­tiglioni strebte zwar ein­er­seits nach der min­i­malen Form, gle­ichzeit­ig zeich­nete seine Werke oft eine verblüf­fende Raf­fi­nesse aus. Par­ente­si (1970) ist ein Strahler, der über ein geformtes Stahlrohr ent­lang eines Stahl­seiles gleit­et. Dieses wird ein­fach an die Decke geschraubt und mit einem Bodengewicht ges­pan­nt. So fungiert diese Leuchte nicht nur als ungewöhn­lich­er Blick­fang, son­dern auch gle­ichzeit­ig als flex­i­bler Licht­ge­ber.

 

 

 

 

 

 

Ein sehr schlankes wie flexibles Design der 1970er Jahre wird von der Tischleuchte Lumina Daphine verkörpert.
Die Lumi­na Daphine richtet ihre sehr schlanken Arme dor­thin aus, wo Sie es wün­schen.

Tom­ma­so Cimi­ni ent­warf mit der Daphine (1977) eine Tis­chleuchte, die so erfol­gre­ich war, dass Cimi­ni anschließend das Unternehmen Lumi­na grün­dete. Wie die Tizio arbeit­et sie mit Nieder­volt­tech­nik, auch sie ist ein absoluter Klas­sik­er der 1970er, dessen Design sowohl funk­ton­al als auch intel­li­gent ist. Dadurch avancierte die Daphine zu ein­er Leg­ende des Leuch­t­en­de­signs, die in den wichtig­sten Museen der Welt aus­gestellt ist. Ihre exem­plar­ische Funk­tion­al­ität bzw. Flex­i­bil­ität man­i­festiert sich durch fil­igrane Arme, die nur 5 mm dick sind und sich über Gelenke wun­schgemäß aus­richt­en lassen. Auch der Kopf kann um 360° gedreht wer­den.

 

 

Design der 1970er – Kreativer Widerstand

Die Martinelli Luce Elmetto bringt mit ihrem an einen Soldatenhelm erinnernden Schirm einen Hauch von Verspieltheit in das Design der 1970er Jahre.
Der bewegliche Schirm der Mar­tinel­li Luce Elmet­to weckt Assozi­a­tio­nen mit einem Sol­daten­helm.

Wie zu Anfang erwäh­nt, lehn­ten es viele Design­er ab, sich dem teil­weise biederen Funk­tion­al­is­mus zu unter­w­er­fen – sie entsch­ieden sich für einen kreativ­en Wider­stand in Form von betont orig­inellen Leucht­en. Als iro­nis­che Anspielung an einen Sol­daten­helm dachte sich Elio Mar­tinel­li 1976 die Elmet­to aus. Die voll­ständig aus Kun­stharz gefer­tigte Tis­chleuchte bricht auf char­mante Weise mit den Sehge­wohn­heit­en des Betra­chters: Ihr kup­pelför­miger Schirm ist leicht ver­set­zt auf dem zylin­drischen Schaft posi­tion­iert Kup­pel-för­mi­gen Reflek­tors auf. Dieser ist leicht ver­set­zt über dem zylin­drischen Gestell mit konis­ch­er Basis ange­bracht. Der Clou: Der Schirm lässt sich per ein­fachem Hand­griff in drei unter­schiedliche Aus­rich­tun­gen ein­stellen.

 

Wer die Cini & Nils einschalten möchte, muss nur ihren Deckel anheben.
Sehr prak­tis­ches Design der 1970er: Der „Lichtwür­fel“ Cuboluce von Cini & Nils

Ein kleines schmuck­es Lichtkästchen gelang dem Design­er­duo Fran­co Bet­ton­i­ca und Mario Meloc­chi im Jahr 1972. Die Cuboluce, zu Deutsch etwa „Lichtwür­fel“, ver­birgt in ihrem Innern das Leucht­mit­tel. Dessen Licht wird eingeschal­tet, sobald der Deck­el ange­hoben wird. Damit lässt sich der Abstrahlwinkel des Lichts direkt durch die Öff­nungsweite bes­tim­men – so raf­finiert und so ein­fach, Cas­tiglione hat die Cuboluce bes­timmt gefall­en.

 

Wie ein durch den Wind gespanntes Zelt mutet die aus strukturiertem Polyamid gefertigte Flos Ariette Deckenleuchte an.
Die Flos Ari­ette schmückt die Decke mit einem deko­ra­tiv­en Bezug aus struk­turi­ertem Polyamid.

Die Flos Ari­ette aus der Fed­er von Tobia Scarpa ste­ht für ein dezent extrav­a­gantes Design der 1970er. Die Deck­en­leuchte aus dem Jahr 1973 mutet mit ihrem Dif­fu­sor aus glas­faserver­stärk­tem, struk­turi­ertem Polyamid wie ein Zelt an der Decke an und steigt so buch­stäblich zum deko­ra­tiv­en High­light auf. Gehal­ten wird das orig­inelle Kon­strukt von einem zusam­men­steck­baren Gestänge, Schrauben sind bei der Mon­tage nicht nötig.

 

Die Pendelleuchte Knitterling von Ingo Maurer gefällt durch ihren Schirm aus Japanpapier, der sich in ungewöhnlichem Knitterlook präsentiert.

Die Knit­ter­ling von Ingo Mau­r­er präsen­tiert sich im ungewöhn­lichen Knit­ter­look.

Der deutsche Ingo Mau­r­er, Design­er von Wel­trang, ist seit jeher bekan­nt für seine kreativ­en Ergüsse. Die Pen­delleuchte Knit­ter­ling (1978) über­rascht den Betra­chter mit einem Schirm im Knit­ter­look. Dieser wird durch die beson­dere Beschaf­fen­heit aus japanis­chem Papi­er möglich. Let­zteres wird in einem speziellen Ver­fahren ver­ar­beit­et, um die bewusst unregelmäßige Ober­fläche zu erhal­ten.

 

 

 

 

 

 

Wir hof­fen, Ihnen mit diesem kleinen Aus­flug in das Design der 1970er Jahre einen kurzen, aber inter­es­san­ten Abriss ein­er Dekade gegeben zu haben. Sollte es uns gelun­gen sein, Ihre Neugi­er zu weck­en, empfehlen wir Ihnen unsere vorheri­gen Zeitreisen in die Designs der 1920- und 30er, 1950er und 1960er Jahre.


 

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