Neil Poulton – Designer im Interview

Am Artemide-Stand auf der light + building 2016 stand Neil Poulton dem lightMAG Team Rede und Antwort

Neil Poulton ist bekannt für seine reduzierten, teils minimalistisch anmutenden Werke. Mit seinen Leuchten für den italienischen Premium-Hersteller Artemide konnte Poulton bereits zahlreiche Designpreise einheimsen, darunter auch den begehrten Compasso d'Oro. Wir trafen den schottischen Designer zum Interview auf der light + building 2016, der weltgrößten Messe für Licht und Gebäudetechnik.

 

 

Im Gespräch mit Neil Poulton

Hier ist die Artemide Scorpas Sospensione LED im Frankfurter Showroom zu bewundern

Eines der auffälligsten Werke von Neil Poulton: die Pendelleuchte Scopas Sospensione LED

lightMAG: Herr Poulton, wir freuen uns sehr, dass Sie sich die Zeit für ein Interview mit uns nehmen. Unsere erste Frage: Sie leben seit fast 25 Jahren in Paris. Wie fühlt sich ein gebürtiger Schotte in Frankreich? Hat das kreative Umfeld der Stadt Sie beeinflusst?

Neil Poulton: Das ist wirklich seltsam. Ich habe nun mehr Zeit in Paris als in Schottland verbracht. Und trotz der langen Zeit, korrigiert mein kleiner Sohn mein Französisch und mahnt mich: „So kannst du das aber nicht sagen.“ Man sagt oft, dass Paris eine Brücke zwischen Tradition und Moderne schlägt.  Frankreich hat eine starke lateinische Kultur und ist gleichzeitig offen gegenüber Neuerungen. Meiner Meinung nach repräsentiert es beide Seiten sehr authentisch.  Gleichzeitig ist es sehr fortschrittlich, wenn es darum geht, technische Neuerungen wie etwa das "Internet der Dinge“ umzusetzen. Frankreich ist in dieser Hinsicht viel fortschrittlicher als z. B. Italien. Außerdem ist die geographische Lage großartig: Frankreich liegt am Rand Europas und befindet sich daher in der Nähe Großbritanniens und Amerikas. Wenn ich beispielsweise für ein paar Tage nach Großbritannien will oder nach Deutschland, ist die Anbindung einfach großartig. Ich nutze diese Möglichkeit sehr gerne. Außerdem faszinieren mich die menschlichen Dimensionen von Paris sehr. Ich meine damit, dass Paris fast schon wie ein Dorf ist: Man kommt mit dem Fahrrad besser vorran als mit dem Auto.

 

"Wäre ich nicht Designer geworden,

wäre ich heute Holzfäller."

 

lightMAG: Bitte vervollständigen Sie für uns folgenden Satz: „Wäre ich nicht Designer geworden…“

Neil Poulton: … wäre ich heute Holzfäller. (lacht) Keine Ahnung - es fühlte sich sehr natürlich an, Design zu studieren. Als Kind habe ich in Edinburgh Bilder von Elektrowerkzeugen, Maschinen und so weiter gesehen. Da dachte ich mir: "Damit kann man Geld verdienen?" Zu diesem Zeitpunkt habe ich schon seit einigen Jahren mit technischen Geräten experimentiert und war mir nicht bewusst, dass man dafür tatsächlich bezahlt werden kann. Heute entscheidet man sich für den Bereich des Designs aus ganz anderen Gründen als früher. Design ist viel stärker verbreitet und für jedermann zugänglich - es ist demokratisiert. Viele widmen sich diesem Beruf, weil es eine sehr schöne und erfüllende Tätigkeit ist. Andere, weil sie dadurch berühmt werden wollen. Wieder andere wollen damit der Welt helfen. Man kreiert nicht nur ein Objekt, sondern beeinflusst in gewisser Hinsicht die Gesellschaft. Das ist keine utopische Vorstellung. Vor einigen Tagen habe ich über das Google Car gesprochen. Es ist ein Design, das die ganze Gesellschaft verändert und voranbringt. Im Kern ist es politisches Design. Es geht nicht darum eine besonders schöne Ausstattung zu designen. Das Ziel besteht darin, das Risiko von Unfällen stark zu reduzieren.

Ein Designer kann sich daher nicht einfach hinsetzen und eine Leuchte kreieren. Er muss sich überlegen, welche Auswirkungen diese Leuchte auf die Gesellschaft hat. Er muss sehen, was die Menschen brauchen, was sie wollen. Bei Artemide geht es darum Leuchten zu kreieren, die zu einem permanenten Begleiter werden. Man kauft eine Leuchte und nutzt sie auch noch 20 Jahre später - anders als  z. B. bei Handys. Wenn das neue iPhone 7 rauskommt, landet das 6S gleich in der Tonne. Es geht daher darum, dass man Verantwortung übernimmt und etwas schafft, dass in der Zukunft einen Wert hat. So das war nun eine lange Antwort auf eine kurze Frage.

 

Neil Poulton beantwortete die Fragen des lightMAG mit großem Engagament

Neil Poulton erklärt, was er unter Minimalismus und Maximalismus versteht.

lightMAG: (lacht) Kein Problem. Das war eine sehr aufschlussreiche Antwort. Kommen wir aber zu unserer nächsten Frage: Wie würden Sie Ihren eigenen Stil beschreiben?

Neil Poulton: Ich denke es ist gefährlich seinen eigenen Stil zu beschreiben. Es besteht die Gefahr zu einer Parodie des eigenen Stils zu werden. Ich verwende beispielsweise visuelle Codes, die man leicht erkennen kann, wie z. B. scharfe Kanten. Aber diese Codes sind nicht der Stil. Oft entwerfe ich Objekte, die ziemlich lustig oder radikal sind. Manchmal einfach, um der Gesellschaft den "Finger zu zeigen". Daraus wird dann im Laufe des Entstehungsprozesses ein sehr minimalistisches Objekt. Doch es gibt einen Unterschied zwischen minimal und maximal. Maximal bezieht sich auf eine größtmögliche Wirkung. So entwarf etwa Constantin Brâncuși seine Skulpturen. Brâncuși war ein rumänischer Bildhauer. Er hat seine Werke stets auf das Wesentliche reduziert. Das ist jedoch kein Minimalismus, weil er versucht ein Höchstmaß an Ausdruck zu erreichen. Dies ist beim Minimalismus nicht der Fall. Hierbei geht es darum, die Präsenz, das Physische zu reduzieren ...

lightMAG: ... es verschwinden zu lassen ...

Neil Poulton: Genau. Minimalismus war früher eine großartige Herausforderung, als Elektronikboxen und Leuchstofflampen noch nicht so klein waren. Jetzt ist das einfach zu leicht. Sehen Sie sich hier am Stand um. Überall hängen 10 mm flache Bildschirme, die mit Hilfe von Stahlseilen von der Decke hängen. Als ich die Surf vor 20 Jahren designte, war das ein großes Problem. Wie sollte ich die ganze Elektronik auf einen kleinen Raum bekommen? Doch jetzt wird man nicht mehr vor solche Herausforderungen gestellt. Man kann praktisch alles umsetzen. Daher bezeichne ich meinen Stil mittlerweile eher als maximalistisch.

 

"Ich bezeichne meinen Stil als maximalistisch."

 

lightMAG: Sie haben u. a. Alberto Meda, Ettore Sottsass und Richard Sapper kennengelernt. Gibt es jemanden, den Sie als Vorbild bezeichnen würden?

Neil Poulton: Ich bewundere Meda, er ist toll. Ich bewundere auch Branzi. Ich mag auch die Bouroullecs und Castiglioni. Den größten Einfluss auf meine Arbeit hatte aber wahrscheinlich Brâncuși. Eine Zeit lang war ich regelrecht besessen von Henry Moore, Barbara Hepworth und Brâncuși. Mich hat die skulpturale Ebene ihrer Objekte fasziniert. Ich mochte vor allem die Körperlichkeit ihrer Gegenstände. Ich orientiere mich außerdem häufig an Science-Fiction aus meiner Kindheit.

 

Das Bild zeigt die Wand- und Deckenleuchte Orbiter von Artemide

Neil Poulton hat die Orbiter für Artemide entworfen

lightMAG: Entstand so die Orbiter von Artemide?

Neil Poulton: Ja, genau. Ich war damals ein großer Fan von Gerry Anderson. Mir gefiel seine utopische Vorstellung von der Zukunft. Ich mag diese Naivität. Im Hinblick auf meinen Lieblingsdesigner kann ich mich nicht genau festlegen. Ich mag Nendo - sie sind brillant - sowie die Bouroullecs und viele andere.

 

 

 

 

 

Das Bild zeigt den berühmten Designer Philippe Starck im schwarz-weiß Portrait.

Neil Poulton arbeitete ein Jahr für das Studio von Philippe Starck

lightMAG: Auch mit Philippe Starck arbeiteten Sie zu Beginn der 90er Jahre. Wie würden Sie die Zusammenarbeit mit ihm beschreiben?

Neil Poulton: Kurz. (lacht) Nein, es ist einfach zu lange her. Es war vor 25 Jahren und die Zusammenarbeit dauerte vielleicht ein Jahr. Es hatte keinen großen Einfluss auf mich, jedoch war es damals sehr interessant.

 

 

 

 

 

 

lightMAG: Sie haben für Ihre Arbeiten zahlreiche Awards gewonnen - das Centre George Pompidou in Paris hat sechs Ihrer Werke in seine permanente Ausstellung und das Time-Magazin 2008 hat Sie in seine „The Design 100“-Liste aufgenommen. Was bedeuten Ihnen solche Auszeichnungen?

Neil Poulton: Nun, sie haben meine Mutter sehr stolz gemacht ...

lightMAG: (lacht) Ist das eine wichtige Rückmeldung für Ihre Arbeit?

Neil Poulton: Es ist interessant, weil ich dieses Jahr Mitglied in der Jury für den iF Design Award war. Ich konnte dabei beobachten, wie so eine Preisvergabe funktioniert. Wir waren 60 Juroren, die 5.200 Produkte in nur zwei Tagen bewerten mussten. Es war sehr spannend zu sehen, aufgrund welcher Kriterien die Preise vergeben werden. Es war eine tolle Erfahrung. Die Bewertung fand diesen Februar in Hamburg statt. Natürlich gab es viele deutsche Juroren und ich habe einen Eindruck davon erhalten, welchen Geschmack die Deutschen in Bezug auf Design haben. Einige Produkte, die in Frankreich vermutlich ausgezeichnet worden wären, wurden sofort aussortiert. Das war eine großartige Erfahrung. Und eine solche Auszeichnung sieht natürlich immer gut aus, wenn man jemanden beeindrucken will.

 

lightMAG: Herr Poulton, eines Ihrer bekanntesten Werke ist nach wie vor Ihr "ageing pen". Beschäftigt Sie die Idee eines Objekts, das sich mit der Zeit seinem Besitzer anpasst, noch immer? Könnten Sie sich vorstellen dieses Konzept auf den Bereich der Beleuchtung anzuwenden?

Neil Poulton: Es ist eine der Ideen, die ruht. Die Idee hatte ich im Rahmen meiner Masterarbeit an der Domus Akademie in Italien. Die Nutzer hinterlassen Spuren auf dem Objekt, was dem Ganzen den Anstrich einer Sozialstudie verleiht. Doch heute sind nur noch sehr wenige Exemplare des Stifts erhalten, da sie sich mit der Zeit auflösen. Das war auch von Anfang an der Plan. Es sollte ein Objekt entstehen das einen Beginn und ein Ende hat. Ich war an der Beziehung zwischen der Person und dem Objekt interessiert. Ich wollte ein synthetisches Material verwenden, das über die Zeit an Qualität gewinnt. Schließlich büßen Kunststoffe eher an Qualität ein. Im Gegensatz dazu gewinnen alle natürlichen Stoffe wie Holz und Stein mit der Zeit an Qualität, indem sie eine Patina ansetzen. Ich habe den Ageing Pen Herstellern präsentiert und sie gefragt, ob sie dieses Produkt herstellen möchten. Als ich ihnen sagte, dass der Stift in ca. drei Jahren zerfallen wird, fragten Sie mich: “Wie soll ich das verkaufen?” Ich denke, dass es sehr schwierig ist, so etwas kommerziell zu vertreiben. Vielleicht werde ich die Idee des Ageing Pen eines Tages wieder aufgreifen. Es ist interessant, wenn man über die Beziehung zwischen einem Menschen und einer Leuchte nachdenkt, denn diese erfordert immer weniger physischen Kontakt. Es gibt Dimmer, Kinetik. Man kann die Farbtemperatur mit einer einfachen Handbewegung ändern. Der physische Kontakt nimmt weiter ab.

 

"Alles ist eine Herausforderung, sonst macht es doch keinen Spaß."

 

lightMAG: Sie gestalteten bereits so unterschiedliche Objekte wie Leuchten, Computer Hardware oder Büroartikel. Gab es Objekte, die Sie vor eine besondere Herausforderung stellten?

Neil Poulton: Alles ist eine Herausforderung, sonst macht es doch keinen Spaß. (lacht) Darum geht es doch im Grunde. Im Bereich der Computer funktioniert das immer so, dass mir jemand im Vorfeld sagt, wie das Produkt aussehen soll. Dann versuche ich mich daran und stelle fest, dass es so nicht funktioniert. Dann überarbeite ich den Entwurf und es gibt neue Vorgaben. Doch bei Leuchten sieht das ganz anders aus. Diese entwickle ich allein. Ich finde es einfach toll, dass es meine Idee ist. Vielleicht ist es auch eine typisch schottische Haltung, aber ich würde sagen, wenn es mich nicht viel Kraft und Anstrengung gekostet hat, besitzt es einfach keinen großen Wert. Das ist meine Arbeitsphilosophie. Es geht darum, die richtige Intuition zu haben und mit den richtigen Personen zu sprechen. Die können dir dann auch sagen, ob eine Idee umsetzbar ist oder nicht. Das Projekt ist also nicht nur auf das eigene Wissen beschränkt.

lightMAG: Gibt es ein Objekt, das Sie schon immer gestalten wollten? Wie würde dieses aussehen?

Neil Poulton: Ich wollte schon immer eine schwebende Leuchte kreieren. Keine Leuchte, die bereits existiert, sondern eine, die tatsächlich in der Luft schwebt. Ich wollte dies wirklich sehr gerne realisieren und habe bereits viel ausprobiert. Aber bisher ist es einfach nicht möglich, ohne dabei den ganzen Raum nutzen zu müssen. Man braucht dafür z. B. Bodensysteme und Elektromagnete. Ich stelle mir diese Leuchte etwa wie eine Drohne vor - z. B. wie die schwebende Kugel mit der Luke Skywalker in "Krieg der Sterne" den Lichtschwertkampf trainierte. Also das ist ein Projekt, an dem ich wirklich schon seit Jahren tüftle.

lightMAG: Herr Poulton, Sie entwerfen seit vielen Jahren Leuchten für den italienischen Hersteller Artemide. Was fasziniert Sie am Thema Licht?

Neil Poulton: Ich habe in Mailand meinen Abschluss in Produktdesign erworben und bin von der italienischen Designphilosophie beeinflusst worden. Ich denke, dass die technische Planung im Leuchtenbereich eine große Rolle spielt. In vielerlei Hinsicht sind Leuchten Maschinen. Sie unterscheiden sich beispielsweise sehr stark von Stühlen. Ein Stuhl kann fast alles sein. Eine Leuchte hat jedoch physikalische Voraussetzungen. Artemide kreiert nicht gerne Leuchten, die keinem Zweck dienen. Produkte von Artemide sollen zum Lesen, Entspannen, Laufen, Essen verwendet werden. Natürlich gibt es auch dekorative Leuchten, doch auch sie spenden Licht. Wenn Sie sich an anderen Ständen umsehen, werden Sie viele Objekte sehen, die zwar leuchten, aber kein Licht spenden.

 

Neil Poulton erläutert seine Haltung zur LED

Für Neil Poulton müssen Leuchten immer einen Zweck erfüllen. Bloße Lichtobjekte sind ihm zu wenig.

lightMAG: Könnten Sie sich denn vorstellen, eine solche Leuchte zu entwerfen?

Neil Poulton: Ich habe solche Leuchten in der Vergangenheit kreiert. Aber mir fehlt der Zweck, dem das Objekt dienen soll. Es ist nicht sonderlich schwer ein solches Produkt zu gestalten. Ich könnte ein Glas über eine  LED stülpen und schon hätte man ein leuchtendes Objekt. Die Frage ist nur, wozu sollte man das tun? Ich denke, dass einfach zu viel unbrauchbares Zeug gemacht wird. Es ist schwer zu erklären. Natürlich ist nichts Falsches daran, einfach nur ein schönes Objekt zu designen. Ich versuche mich jedoch eher funktionaleren Projekten zu widmen.

lightMAG: Artemide steht für „Human Light“. Können Sie uns diese Maxime aus Ihrer persönlichen Perspektive beschreiben? Was ist für Sie das Besondere an der Kooperation mit Artemide?

Neil Poulton: Es ist Licht, das das Leben erleuchtet und es zum Scheinen bringt. Es ist nichts aufgezwungenes, sondern hat eine spirituelle Ebene. Das ist zumindest meine Definition. Ich bin kein offizieller Sprecher von Artemide, sondern ich arbeite nur für sie. Da die Leuchten eine Person das ganze Leben lang begleiten sollen, bedeutet das für mich, dass man etwas Fortschrittliches mit Mehrwert schaffen sollte. Etwas, das die Gesellschaft voranbringt.

 

Das Bild zeigt die Artemide Talo Parete von Neil Poulton, eingeschaltet vor einer grau-weißen Wand.

Preisgekröntes Design: Die Talo Wandleuchte von Neil Poulton

lightMAG: Mit Leuchten wie z. B. Talo und Surf haben Sie Objekte geschaffen, die sich durch ihre formale Zurückhaltung definieren. Wie gehen Sie vor, wenn Sie eine Leuchte gestalten? Sind Sie ein Anhänger von „form follows function“?

Neil Poulton: Das ist eine interessante Frage. Als Juror an der ENSCI (Ecole Nationale Superieur de Création Industrielle) habe ich eine Frau kennengelernt, die im Rahmen ihrer Masterarbeit ein Objekt unter dem Motto “form does not follow function” gestalten will. Also das komplette Gegenteil. Ich bin sehr gespannt, was sie präsentieren wird. Es wird sicherlich brillant sein. Mendini und Alessi verfolgten ja eher das Motto “form follows fiction”. Es gibt da verschiedene Ausprägungen.

 

 

Ich finde das Prinzip „form follows function“ schwer zu bewerten, weil es einfach sehr schwierig ist die Funktion zu definieren. Liegt die Funktion darin, jemanden glücklich zu machen, jemanden zu begeistern oder etwas anderes? Ich erinnere mich noch an den ersten Entwurf der Talo. Es war echt ein Albtraum. Ich habe den Prototypen in nur einer Nacht aus Pappe und einem Elektobauteil zusammengebastelt und Ernesto Gismondi vorgestellt. Am nächsten Tag sagte ich ihm: "Schau, das funktioniert nicht." Doch er ging einfach in einen dunklen Besenschrank, hielt die Leuchte empor und sagte: "Ja, die nehme ich." Das war die schnellste und einfachste Präsentation, die ich je gehabt habe. Bei meinen Produkten folgt die Talo vermutlich am ehesten dem Prinzip "form follows function". Die Funiktion ist einfach: Indirektes Licht, das nicht blendet. Ein anderer Fall ist die Artemide Scopas. Sie kennen die Scopas?

lightMAG: Ja.

Das Bild zeigt die fragmentiert wirkende Pendelleuchte Scopas von Artemide.

Mut zur „Lücke“ – die Pendelleuchte Artemide Scopas

Neil Poulton: Scopas entstand aus der Verärgerung über Retrofit LED Lampen. Als Philips und Osram die ersten LEDs auf den Markt brachten, verwendeten sie einfach die alten Gehäuse und Bauteile herkömmlicher Leuchtmittel. Das funktioniert jedoch nicht mit einer kugelförmigen Pendelleuchte, weil LEDs prinzipiell nur in eine Richtung Licht abgeben. Hinter Scopas verbirgt sich die Idee, dass man mit der LED nicht mehr die alten Wolfram-Lampen nachahmen muss. Sie erzeugt das Licht auf ihrer Oberfläche und nicht im Zentrum. Daher habe ich auch Teile der Spähre offen gelassen, damit man direkt ins Innere blicken kann. Sie ist ein Symbol dafür, dass man mit der LED aufhören muss, alte Designideen widerzukäuen.

 

 

"Ich finde, das Glühlampenverbot ist albern."

 

lightMAG: Eine Frage, die wir in diesem Kontext gerne stellen: Wie denken Sie über das so genannte Glühlampenverbot durch die EU?

Neil Poulton: Ich finde, das Glühlampenverbot ist albern. Ich habe den Verdacht, dass dies auch aus kommerziellen Gründen geschah. Grundsätzlich halte ich es für eine gute Idee, dass wir weniger Energie verbrauchen sollten, allerdings sehe ich hier auch ein Problem bezüglich des Austauschs der Lampen. Früher, wenn eine Glühlampe ihren Dienst versagte, konnte ich sie einfach wechseln. Heute, wenn meine LED-Leuchte nicht mehr funktioniert, kann ich in den meisten Fällen nicht mehr einfach die Lampe wechseln. Vielleicht ist der Transformator beschädigt, oder auch die Platine mit den Schaltkreisen. Am Ende der Lebensdauer landet im schlimmsten Falle die gesamte Leuchte im Abfall.

Ich denke, die LED ist eine tolle Sache, die viele Vorteile mit sich bringt. Dennoch bin ich der Ansicht, dass die Umstellung in diesem Bereich einfach zu schnell vollzogen wurde. Vielleicht spielte hier auch die Aussicht auf Wählerstimmen eine Rolle. Politiker sind auf den fahrenden Zug mit dem Thema Ökologie aufgesprungen. In diesem Kontext kommen mir ganz andere Fragen in den Sinn. Wie kann ich etwa Regionen wie Afrika mit Beleuchtung versorgen? Wissen Sie, die Glühlampe war sicherlich nicht perfekt, aber sie war günstig, überall erhältlich und standardisiert. Diese preisgünstige Alternative fällt künftig weg.

Außerdem sollten wir uns Gedanken machen, wie man Tageslicht „recyceln“ könnte, nicht nur im Sinne einer Speicherung über Akkus sondern in Form einer Wiederverwertung, etwa über „light pipes“, Objekte die als Lichtleiter fungieren. Solche Überlegungen wären sicherlich sinnvoller, als sich völlig auf LEDs festzulegen, die letztlich ja immer noch elektrische Energie benötigen.

Nicht zuletzt spielt in diesem Kontext auch die Qualität des Lichts eine Rolle. Meiner Meinung nach ist die Lichtqualität von LEDs der von Glüh- und Halogenlampen immer noch unterlegen. Hier spielen auch sicherlich psychologische Aspekte eine Rolle. Das warme Licht der Glühlampe erinnert uns an Feuer, an die Sonne.

 

Die Lieblingsleuchte von Neil Poulton ist die Artemide Tizio von Richard SapperNeil Poulton mit seiner Lieblingsleuchte Tizio am Stand von Artemide auf der light + building 2016

lightMAG: Haben Sie eine persönliche Lieblingsleuchte?

Neil Poulton: Die Tizio von Richard Sapper. Sie ist einfach fantastisch. Ich bevorzuge allerdings die schwarze Version. Ich liebe einfach die Silhouette des schwarzen Models.

 

Abschlussbild mit Linda MacNelly, Neil Poulton und Flroian Felgenhauer

Abschlussfoto mit Neil Poulton vor dem Prototypen seiner neuen Spiegelleuchte.

lightMAG: Können Sie uns etwas zu den Spiegelleuchten erzählen, die wir am Artemide-Messestand begutachten konnten?

Neil Poulton: Artemide fragte mich, ob ich einen solchen Spiegel gestalten könnte. Im Gegensatz zu einem beleuchteten Schminkspiegel sollte das Licht nicht frontal auf die Person fallen, sondern das Gesicht rundherum beleuchten. Dafür brauchten wir eine gewisse Transparenz in der Oberfläche, um das Licht hindurchzulassen. Das Muster schafft eine Art „digitalen Kreis“ um das Gesicht, ein sehr schönes Bild, wie ich finde.

In gewissem Sinne soll dadurch eine Art Heiligenschein um das Gesicht entstehen. Sie erinnern sich vielleicht an meine Leuchte Ipparco für Artemide. Hier beobachtete ich immer wieder, dass die Anwender in den kreisförmigen Lichtaustritt blickten und dieser „Heiligenschein“ sich auf den Gesichtern abzeichnete. Diese Idee wollte ich auf den Lichtspiegel übertragen.

Die hier am Stand gezeigten Modelle sind noch Prototypen. Hier wurde Rauchglas verwendet, was sich allerdings beim fertigen Produkt durchaus noch verändern könnte. Der Spiegel war übrigens anfangs eher als Badezimmer-Accessoire gedacht, mittlerweile denke ich, er lässt sich auch anderweitig einsetzen. Ich bin ehrlich gesagt ziemlich zufrieden mit dieser Arbeit.

lightMAG: Herr Poulton, wir bedanken uns vielmals für das aufschlussreiche Gespräch!

 

 

Neil Poulton – Zur Person

Neil Poulton wurde 1963 in Thurso geboren, einer kleinen Hafenstadt im Norden Schottlands. Nach einem Studium im Bereich Industriedesign in Edinburgh verließ er seine Heimat, um an der bekannten Domus-Akademie in Mailand zu studieren. Poulton konnte hier bei den ganz Großen seiner Zunft lernen; zu seinen Lehrmeistern zählten Design-Koryphäen wie Alberto Meda, Ettore Sottsass oder der kürzlich verstorbene deutsche Designer Richard Sapper. Als Produktdesigner machte Neil Poulton erstmals 1989 mit seinen „Ageing Pens“ auf sich aufmerksam, den „alternden Stiften“. Diese entstehen aus einem abnutzbaren Kunststoff, so dass sie gemeinsam mit ihrem Besitzer altern können.

 

Die Aufnahme zeigt einen Raum, der von mehreren Exemplaren der Talo Wandleuchte erhellt wird.

Talo zählt zu den bekanntesten Leuchten von Neil Poulton

Als Leuchtendesigner sorgte Neil Polton vor allem mit seinen Werken für Artemide für Furore. Zu seinen bekanntesten Objekten zählt die Talo-Leuchtenfamilie. Die Wandleuchte Talo wurde für ihr Design mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Compasso d'Oro und der iF Design Award. Talo präsentiert sich als typisches Poulton Objekt mit klarer Linienführung, sachlicher Formensprache und wohl durchdachter Lichtwirkung.

 

 

 

 

 

Die Mehrzahl der Leuchten von Neil Poulton präsentieren sich in ähnlich reduzierter Form, wie die Talo-Familie. Ein wiederkehrendes Element ist die Verwendung einer geometrischen Grundform, die dann leicht abgewandelt und abstrahiert wird. So setzen die Surf-Wandleuchten auf die Grundform eines Quaders, der sich aber in leicht geschwungener Form an die Wand schmiegt. Rea hingegen setzt auf kreisrunde Formen, verbindet aber zwei Kreise zu einem futuristisch anmutenden Objekt, das irgendwo zwischen Leuchte und Skulptur zu verorten ist. Klare Linien und ein rechter Winkel stehen hingegen bei der preisgekrönten Schreibtischleuchte Talak im Vordergrund.

Noch mehr Details über den schottischen Designer und seine Leuchten erfahren Sie übrigens in unserem Beitrag über Neil Poulton. Die Leuchten im Design von Neil Poulton finden Sie im Online-Shop von light11.


 

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